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Weltweit steigen die Venture Capital-Investitionen in Technologien und Innovationen junger Firmen an – Startups gelten als Innovationstreiber, die Konzerne „alt aussehen lassen“
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Corporates wissen dies und zeigen zunehmend Interesse und Bereitschaft, in Startups zu investieren, die ihr Kerngeschäft angreifen oder ergänzen
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Gleichzeitig gibt es viele Gründe, weshalb Startups Risikokapitalgeber gegenüber strategischen Investoren bevorzugen – Corporates verpassen die Chance zu investieren
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Als vielversprechend zeigt sich in der Praxis daher das Gründen einer Tochtergesellschaft, die als unabhängiger Corporate Venture Capital (CVC) Arm mit Distanz zum Kerngeschäft als Investor agieren kann
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Die Zahlen bestätigen diesen Trend: Seit 2013 hat sich das CVC Volumen weltweit verfünffacht – auch in Deutschland ist das Modell bereits angekommen
Venture Capital ist der Treiber für schnelles Wachstum und Skalierung von Startups
Dass Venture Capital die Grundlage für viele Wachstums- und Erfolgsgeschichten von Startups ist, ist keine neue Erkenntnis: Kapitalinvestitionen ermöglichen jungen Unternehmen, den Fokus auf Wachstum zu setzen. Sie genießen typischerweise hohe unternehmerische Freiheitsgerade und Toleranz bei der Umsetzung – sie experimentieren, adaptieren und optimieren in hoher Geschwindigkeit. Umsatzwachstums ist häufig die zentrale Messgröße des Erfolgs – Ziel ist es, möglichst schnell mit neuen, innovativen Konzepten oder Ansätzen eine langfristig ausgerichtete, wettbewerbsfähige Position in etablierten Branchen zu erlangen.
Auf den zukünftigen Erfolg junger Unternehmen mit innovativen Ideen und Geschäftsmodellen setzen Investoren seit Jahrzehnten enorme Summen – Tendenz steigend. In 2018 wurden über $US 250 Mrd. VC investiert; Fokus lag zuletzt insbesondere auf den Themen AI, Mobilität, Health und Fintech. Zum Vergleich: In 2013 lag das Investitionsvolumen noch bei ca. $US 80 Mrd (Quelle: KMPG Venture Pulse Q4 2018).
Bei der Investitionsstrategie von Venture Capital Investoren ist der Erfolg über das gesamte „Startup-Portfolio“ hinweg wichtiger als der zwingende, wirtschaftliche Erfolg des einzelnen Ventures – essentiell ist, dass der ROI einiger weniger Startups alle anderen „Wetten“ gewinnbringend mitfinanziert. Damit unterscheiden sich VCs von Investoren, die strategische Vorteile durch die Beteiligung erzielen wollen – also z.B. Unternehmen, die sich aus der Zusammenarbeit mit Startups nicht nur finanzielle Vorteile erhoffen, sondern auch Zugang zu neuen Technologien, Innovationen und hochmotivierten Talenten suchen.
Auch Corporates streben zunehmend Beteiligungen an Startups an
Im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung zeigt sich branchenübergreifend, dass globale Player der Notwendigkeit nachkommen, ihre häufig veralteten und teilweise noch stark manuellen Prozesse an das digitale Zeitalter anzupassen. Während es manchen Unternehmen noch vollständig an einer Digitalstrategie fehlt, setzen die immer schneller werdenden Innovations- und Entwicklungszyklen jene weiter unter Wettbewerbsdruck, die bereits Anpassungen an die neuen Markt- und Kundenbedürfnisse getätigt haben. Startups gelten als Innovationstreiber, die mit hoher Dynamik das „Neu-Denken“ von Produkten, Prozessen und Dienstleistungen vorantreiben.
Dass bei der Umgestaltung etablierter Strukturen innerhalb großer Unternehmen enorme Herausforderungen zu bewältigen sind, hat LSP Digital in 15 Jahren Beratungserfahrung ausgiebig erleben können. Seit Jahren stellen Corporates immer mehr Kapital zur Verfügung, um sowohl die Transformation ihres Kerngeschäfts als auch die Entwicklung neuer, digitaler Geschäftsmodelle zu finanzieren. Von „Make“ bis „Buy“ eröffnet sich dabei ein breiter Optionenraum.
Trotz finanzieller Überlegenheit gegenüber Startups sind Corporates oft nicht in der Lage, wettbewerbsfähige Innovationen aus eigenen Kräften zu entwickeln bzw. zu skalieren. In der Praxis zeigt sich, dass Innovationen außerhalb der Organisation bzw. abgetrennt von bisherigen Strukturen – z.B. in eigenständigen Startups – häufig besonders gut reifen können.
Für Unternehmen wird daher die Option des Kaufens bzw. Investierens immer wichtiger, um die langfristige Wettbewerbsfähigkeit sicherzustellen. Für das direkte Investment in eine Beteiligung an unabhängigen Startups („Buy“ mit dem langfristigen Ziel der Mehrheitsübernahme) sprechen vier Gründe:
- Die (technische) Entwicklung erfolgt bei Startups auf der grünen Wiese, dies ist leichter und effizienter gegenüber der Entwicklung innerhalb bestehender Strukturen
- Die Marktreife wird schneller erreicht, da der Fokus von Beteiligungen üblicherweise auf operativ aktiven Unternehmen liegt, die funktionierende Technik, laufende Prozesse und teilweise auch echte Kunden vorweisen können (kein Start bei „Null“)
- Der Bedarf finanzieller Ressourcen und zeitlicher Mittel ist für eine (initiale) Beteiligung oft geringer als für den Aufbau konzerninterner Abteilungen
- Höhere Motivation und Bereitschaft von Gründern, die Anteile halten, durch die im Erfolgsfall signifikant höhere Incentivierung ggü. einem Arbeitnehmerverhältnis
Viele Startups lehnen das Geld von strategischen Investoren jedoch kategorisch ab
Allein die Bereitschaft von Corporates in Startups zu investieren, reicht jedoch nicht aus. Die Praxis zeigt, dass Startups eine Beteiligung durch strategische Investoren, die nach Geschäftsideen, Innovationen oder Technologien suchen zumindest in der Wachstumsphase scheuen.
Wir sehen sechs zentrale Gründe, warum Startups Finanzinvestoren gegenüber Corporates präferieren:
- Kulturelle Differenzen: Zwischen Konzernen und Startups herrschen starke kulturelle Unterschiede. Die häufig noch stark hierarchische Struktur bedeutet eine hohe Anzahl von Ansprechpartnern, lange Abstimmungszyklen und somit einen hohen kommunikativen und operativen Aufwand, der die Agilität des Startups einschränkt. Zudem treffen – plakativ ausgedrückt – zwei Welten aufeinander: 9-to-5 trifft Hackathons, Design Sprints und flexible Arbeitszeiten. Die Bereitschaft, „die Extra-Meile“ zu gehen, ist in Startups oft höher.
- Reduziertes Tempo: Gremien, Vorstandsentscheidungen, Freigabe- und Reportingprozesse kosten Zeit und erhöhen die Komplexität. Startups werden bei der Entwicklung ausgebremst und verlieren so ihren überlebenswichtigen Vorsprung im Wettbewerb. Denn Geschwindigkeit und Agilität sind wichtige Treiber für den Erfolg eines Startups. Finanzinvestoren sind auf die Notwendigkeit eines hohen Tempos eingestellt und haben ihre Abstimmungsprozesse dementsprechend angepasst.
- Mangelndes Commitment: Der Vorstand bzw. das Management von Strategen wird an vergleichsweise kurzfristig orientierten Zielen gemessen und incentiviert. Die Erwartung, dass ein junges, wachsendes Unternehmen innerhalb weniger Jahre profitabel agiert und Gewinne abwirft, ist in aller Regel kein Normalzustand. Dies führt dazu, dass das Management die finanziellen Risiken überproportional gewichtet, Investitionen minimiert und so das Wachstum des Startups einschränkt. Gleichzeitig erhöhen interne Verrechnungsmechanismen und Kostenstellenstrukturen die Komplexität, was aus Perspektive der Startups erfolgshemmend und demotivierend wirkt.
- Fehlende Investmentkultur: Finanzinvestoren haben ein VC-Umfeld geschaffen, in dem Risiken und hohe Investments zur Normalität gehören. Gründer wollen zu Beginn ihrer Unternehmung so wenig Anteile wie möglich abgeben, sie hoffen schließlich, dass diese schnell im Wert steigen werden. VC’s verlangen gleichzeitig nicht nach zu hohen Anteilen, um die Motivation der Gründer aufrechtzuerhalten. So kommt es schnell zu hohen Bewertungen von jungen, oft noch nicht profitablen Firmen. Corporates können diese Investitionen häufig nicht rechtfertigen, sodass die Investitionsbereitschaft zu gering ausfällt, um für Gründer attraktiv zu sein.
- Eingeschränkte Unabhängigkeit: Strategen investieren, weil durch die Beteiligung ein Vorteil im Kerngeschäft erzielt oder eine neue strategische Stoßrichtung erschlossen werden soll. Dieser Einfluss schränkt die Gründer in ihrer Freiheit ein, im optimalen Interesse ihres Startups zu handeln. Ihnen wird so bereits sehr früh die unternehmerische Freiheit genommen: Nach dem Early-Stage Investment durch einen Strategen ist der Weg häufig schon vorbestimmt.
- Es gibt kein Zurück: Aufbauend auf dem vorherigen Punkt bedeutet ein Investment durch einen Strategen in den meisten Fällen den Ausschluss anderer Corporates von (weiteren) Investitionsrunden. Insbesondere bei konkurrierenden Konzernen bestehen strategische Interessensdifferenzen, die die Wahrscheinlichkeit eines Co-Investments minimieren. Für das Startup bedeutet dieser frühe Fokus auf einen Incumbent eine weitere, starke Limitation der Exit-Optionen – denn dieser verfolgt das langfristige Ziel der Mehrheitsübernahme und nicht den Verkauf.
Mögliche Lösung: Aufsetzen eines eigenen, weitestgehend unabhängigen Investment-Vehikels
Sollte es also mit einer Direktbeteiligung nicht klappen, besteht die Möglichkeit, Kapital über die Gründung eines eigenen Corporate Venture Fonds bzw. einer CVC-Gesellschaft bereitzustellen. Trotz Konzernzugehörigkeit agieren diese mit einer Distanz zum operativen Geschäft, auch wenn der Investitionsfokus typischerweise in strategischem Zusammenhang mit dem Kerngeschäft steht. Aus Sicht der Startups reduziert sich damit die Komplexität der Zusammenarbeit und erhöht sich der Freiheitsgrad, weil sie zumindest kurz- bis mittelfristig an den Zielen der CVC-Gesellschaft anstelle der (operativen) Konzernziele gemessen werden.
Bei der Etablierung einer (erfolgreichen) CVC-Gesellschaft erwarten Corporates viele Herausforderungen. So ist CVC für Startups nur dann attraktiv, wenn dieselben Konditionen wie von einem unabhängig VC geboten werden. Damit dies gegeben ist, werden qualifizierte und erfahrende Teams benötigt, die diese Konditionen gestalten und verhandeln. Zudem müssen an die Startup-Welt angepasste Governance-Strukturen zum Aufbau einer attraktiven Investment-Kultur geschaffen werden.
Auch in Deutschland lässt sich dieser Trend beobachten. Zu den größten CVCs gehören unter anderem Tengelmann Ventures (Investitionen bis zu €40 Mio. je Venture), Bertelsmann Investments (seit 2006 aus vier Fonds in über 200 Beteiligungen mehr als €1 Mrd. investiert) sowie Robert Bosch Venture Capital (Investitionen bis zu €15 Mio.; aktuell über 30 Beteiligungen).
Für Unternehmen, die den Herausforderungen (noch) nicht gewachsen sind bzw. zunächst durch erste Erfahrungen lernen wollen, bietet sich auch das Investment in einen existierenden Hightech-Fond oder das Aufsetzen eines „Managed CVC-Fonds“ (verwaltet durch einen unabhängigen Finanzintermediär) an, ggf. mit Spezialisierung auf die eigene Branche. Natürlich spielen bei der Auswahl des richtigen Investitions-Vehikels eine Menge Faktoren eine Rolle. Ein „Richtig“ oder „Falsch“ hängt von der individuellen Unternehmenssituation ab. Wenn Sie diesbezüglich einen Austausch suchen, freuen wir uns über Ihre Nachricht!
